Geschichte der Genozid-Tätowierungen armenischer Frauen

Armenische Frauen Tätowierungen - Völkermord an den Armeniern

Dieses Foto von 1919 einer unbekannten armenischen Frau hängt im „Natural History Museum“ (Los Angeles) in der aktuellen Ausstellung namens „Tattoo: An Exhibition.“

In der neuen Ausstellung „Tattoo“ des „National History Museum“ in Los Angeles werden Tätowierungen in den verschiedensten Formen gezeigt. Unter den Fotos ist auch ein Bild aus dem Jahre 1919 zu sehen. Das Foto zeigt eine Frau in Aleppo. Tattoos laufen ihr Gesicht und ihre Brust herunter, die durch ihr teilweise offenes Hemd freigelegt wird.

Die Frau wird namentlich nicht genannt, aber die Bildunterschrift gibt ein Stück ihrer Geschichte wieder. Sie war Armenierin und konnte dank des „Christlichen Vereins Junger Frauen“ (YWCA) einem Bordell entkommen. Ein Schild weist darauf hin, dass im Zuge des Völkermords an den Armeniern Frauen, die gefangen genommen und zu Sklaven oder Prostituierten gemacht worden waren, als Mittel der Identifizierung tätowiert wurden. Es ist ein zutiefst beunruhigendes Bild und ein Ausschnitt einer Geschichte, die auf eine finstere Facette eines im Osmanischen Reich begangenen Völkermords hinweist, der bis heute von der Türkei und der Mehrheit der türkischen Bevölkerung geleugnet wird.

Selbst wenn Sie armenischer Herkunft sind, wenn Sie ein Nachfahre von Genozidüberlebenden sind, kann der Anblick der Tattoos ein Schock sein. Viele Armenier sind mit Geschichten über die Gräueltaten und den Todesmärchen durch die Wüste aufgewachsen. Aber die Tätowierungen sind in vielen dieser Erzählungen nicht enthalten. 2011 berichtete die Filmemacherin Suzanne Khardalian über dieses Thema in ihrer Dokumentation „Grandma’s Tattoos“, die später auf dem Sender Al-Jazeera in der Serienreihe „Witness“ ausgestrahlt wurde. Dieser Film war jedoch eine persönliche Geschichte, die sich mehr mit den Auswirkungen des Genozids beschäftigte. Die Frage, warum Frauen tätowiert wurden, blieb unbeantwortet. Das liegt vielleicht daran, dass es keinen eindeutigen Grund gibt.

„Die Geschichte jeder Frau ist anders“, sagt Elyse Semerdjian. Semerdjian ist Historikerin die das Osmanische Reich studiert hat und als Professorin am Whitman College in Walla Walla, im Südosten von Washington, arbeitet. Sie arbeitet gerade an einem Buch über den Völkermord an den Armeniern und geschlechtsspezifischen Fragen. Ein Teil ihrer Recherche für das Buch beinhaltet einen Blick in die Geschichte der armenischen Frauen die während des Genozids 1915/1916 tätowiert wurden.

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Seite von der Washington Times; Ausgabe vom 5. September 1920

Semerdjian erklärt, dass die Tätowierungen von mehreren ethnischen Gruppen in ländlichen Teilen des Osmanischen Reiches, insbesondere von Kurden und Arabern, verwendet wurden. Sie fügt hinzu, dass einige Frauen zwar als Sklaven in einen Haushalt aufgenommen wurden, andere aber von Familien adoptiert wurden. „Es waren traditionelle Tätowierungen, die von Frauen in diesen Gemeinschaften getragen wurden“, sagt sie. „Sie waren in vielen Fällen Zeichen der Inklusion in einen Stamm. Es bedeutete, dass diese Frauen die gleichen Tätowierungen hatten wie andere Frauen in diesen Gemeinschaften. Die armenischen Frauen waren nicht die einzigen, die diese Tätowierungen erhielten.“

Und genau hier wird es schwierig, die Geschichten hinter den tätowierten armenischen Frauen zu entziffern. Es gibt eine gefühlsmäßige Reaktion, die Tätowierungen als Mittel der Bestrafung anzusehen. Laut Lars Krutak, Anthropologe und Fotograf, der Tätowierungen studiert und als Berater bei „Tattoo: An Exhibition“ mit Beispielen aus der alten chinesischen und europäischen Geschichte tätig war, gibt es eine lange Geschichte davon in verschiedenen Teilen der Welt. Für moderne Menschen sind die Zahlen, die während des Holocausts auf die Unterarme der Juden tätowiert wurden, am ehesten vergleichbar.

Es gibt jedoch ein Problem mit dieser Art von Vergleich. In Auschwitz wurden die Tätowierungen von den SS-Behörden zur Kennzeichnung von Häftlingen im Konzentrationslager angebracht. Während des Völkermords an den Armeniern scheinen Tätowierungen kein Werkzeug der osmanischen Türken gewesen zu sein, die die Genozid-Kampagne gegen die Armenier durchführten, merkt Semerdjian an. In einigen Fällen haben diese Tätowierungen möglicherweise Frauen geholfen, dem Tod zu entkommen. Semerdjian hat Fälle davon in ihrer Forschung gefunden.

Tattoos wurden lange verwendet, um Menschen als Teil einer bestimmten ethnischen Gruppe zu identifizieren. In Bezug auf den Gebrauch von Tattoos in diesem Zusammenhang stellt der Anthropologe Krutak fest: „Tattoo-Designs sprachen von einer kollektiven Identität, weil jeder von Generation zu Generation vererbte Muster trug. Und sobald man die Ahnenmarke auf seinem Körper trug, wurde von einem erwartet ein verantwortungsbewusstes Familien- und Gemeindemitglied zu sein.“

In dieser Hinsicht würden die Tätowierungen, die armenische Frauen erhielten, sie als Mitglieder einer Gruppe kennzeichnen, die nicht verfolgt wurde, aber sie deckten gleichzeitig auch die wahren Identitäten dieser Frauen ab.

„Für mich ist das Interessante, dass die Tattoos auf verschiedenen Ebenen arbeiten“, sagt Semerdjian. „Es sagt uns, dass die Tätowierungen in einigen Fällen als Tarnung dienten, in einer Zeit, in der Armenier ausgerottet werden und nicht überleben sollten.“

Sie fügt hinzu: „Es vermittelt den Eindruck, dass die Tattoos in ihrem Kern von Identität handeln. Ich denke, es erzeugt eine starke emotionale Reaktion für die Armenier, weil es um die Auslöschung der armenischen Identität geht und dieser neuen Identität die auf das Gesicht aufgetragen wird.“

Als der Erste Weltkrieg endete und einige der armenischen Frauen in der Lage waren, sich wieder mit ihren Gemeinschaften zu verbinden, blieben ihre Tattoos erhalten. Semerdjian merkt an, dass einige Frauen versuchten, diese permanenten Erinnerungen an das Leben während des Genozids zu verbergen, indem sie Make-up benutzten oder Prozeduren durchmachten, um die Tattoos zu entfernen. „Sie wurden nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen“, sagt Semerdjian. „Sie mögen sich stigmatisiert und geächtet gefühlt haben, weil sie diese Marken trugen, aber sie hatten Familie und wurden nicht von anderen Armeniern getrennt. Dennoch, psychologisch gesehen hatte es etwas angerichtet was nur schwer wieder rückgängig zu machen war.“

Semerdjian hat sich in Archiven, unter anderem in denen des Völkerbund der Vereinten Nationen, nach fotografischen Dokumentationen der Tattoos umgesehen, doch es gibt nicht viel zu finden. Insgesamt, so sagt sie, war das Tätowieren armenischer Frauen während des Völkermordes keine allzu häufige Praxis, aber die Bilder und Geschichten, die es gibt, illustrieren die Tragödien, die mit dem Genozid verbunden sind. „Es ist eine Minderheit von Frauen, die im Ersten Weltkrieg gerettet wurden und die diese Tattoos trugen“, sagt Semerdjian. „Aber diejenigen, die tätowiert wurden, fangen unsere Vorstellungskraft ein, weil es so viel um diese erzwungene Assimilation, diesen Moment der erzwungenen Assimilation geht.“

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