Türkisches Generalkonsulat bestimmt Umgang mit dem Armeniergenozid in Deutschland

Demonstration vor dem Stadttheater Konstanz: Türken protestieren gegen die Premiere des Stücks „Das Märchen vom letzten Gedanken". (Foto: Südkurier)

Demonstration vor dem Stadttheater Konstanz: Türken protestieren gegen die Premiere des Stücks „Das Märchen vom letzten Gedanken“. (Foto: Südkurier)

Das Theater Konstanz zeigt derzeit ein Stück über den Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich, an dem ebenfalls das Deutsche Kaiserreich beteiligt war. Die Inszenierung der Uraufführung von Edgar Hilsenraths Roman „Das Märchen vom letzten Gedanken“ führte zu türkischen Protesten in Konstanz und massiven Interventionen seitens des türkischen Generalkonsulats.

Mit folgendem Schreiben wird nun Theaterintendant Christoph Nix adressiert, der sich dem Druck der staatlich-türkischen Genozidleugnung beugte und Plakate der Veranstaltung abnahm, sowie sich bereit erklärte vor jeder Vorstellung einen Brief des türkischen Generalkonsulats, in dem der Völkermord relativiert wird, dem Publikum vorzulesen.

***

„Sehr geehrter Herr Nix,

zunächst einmal möchte ich Ihnen zur Uraufführung des Theaterstücks „Das Märchen vom letzten Gedanken“ gratulieren. Es ist wichtig, dass das Thema des Völkermords an den Armeniern, ein Teil deutsch-türkisch-armenischer Geschichte dessen Aufarbeitung bislang nicht stattfand, thematisiert und der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Allerdings bin ich bestürzt darüber, wie sich Veranstalter in Deutschland immer wieder „unter dem Druck der staatlich-türkischen Genozidleugnung“, wie es Dr. Tessa Hofmann ausdrückt, wegducken und Völkermord relativierende Kompromisse eingehen. Immer noch schreibt die staatlich-türkische Genozidleugnung, mit Ihren Vertretern in Deutschland, den Deutschen vor wie sie mit der Thematik des Völkermords umzugehen haben und jedes Mal wird (aus Angst?) nachgegeben. In Ihrem Fall wurden nicht nur Plakate zum Theaterstück abgehangen. Man hat sich zudem darauf geeinigt, dass Sie „unnötigerweise“ (Zitat suedkurier.de, 24.03.2014) die türkische Leugnungsposition vor jeder Vorstellung dem Publikum vorlesen und dieser Position sogar auf Ihrer Homepage eine Plattform bieten. Den Medien ist zu entnehmen, dass Sie sich kein Urteil darüber erlauben möchten, ob die Ereignisse von 1915 als Völkermord einzustufen sind oder nicht. Edgar Hilsenrath, auf dessen Roman sich das Theaterstück bekanntlich beruht, hat sich mittlerweile auf Grund der türkischen Proteste auf seiner Homepage wie folgt zu Wort gemeldet: „Es gibt keine Diskussion darüber. Es war ein Völkermord.“

Das Interesse des türkischen Generalkonsulats „richtige Informationen zu erhalten“, sollten Sie auf richtige Art und Weise nachkommen. Es ist schlichtweg falsch, wie in dem Brief von Herrn Serhat Aksen geschrieben und den Sie Ihrem Publikum vor jeder Vorstellung präsentieren, dass der Völkermord „unter Historikern immer noch einer detaillierten Untersuchung bedarf.“ Die Mehrheit der internationalen Geschichtswissenschaft sieht diesen als erwiesen an und er ist nach dem Holocaust der am meisten untersuchte Völkermord weltweit. Alleine 126 internationale Genozidforscher bestätigten in einem Artikel in der New York Times am 9. Juni 2000, dass es sich bei dem Völkermord an den Armeniern um eine unbestreitbare Tatsache handelt. Die „Internationale Vereinigung von Völkermordforschern“ (IAGS) hat einstimmig in mehreren Resolutionen die Massaker an Armeniern als Völkermord klassifiziert. Ebenfalls hat das „Permanente Völkertribunal“ die Ereignisse untersucht und spricht von Völkermord. Die Verantwortlichen für den Völkermord wurden bereits am 14. Dezember 1918 von einem Militärgericht als Sondertribunal zum Tode verurteilt. Ein „gemeinsamer Ausschuss für Geschichte“, um die Ereignisse von 1915 zu erforschen wurde seitens der Türkei selbst verhindert (s. FAZ vom 25.05.2005 „Konferenz über Mord an Armeniern verschoben“).

Durch die Verbreitung des Völkermord relativierenden und fehlerhaften Briefes des türkischen Generalkonsulats werden Sie zum Instrument und helfen der staatlich-türkischen Genozidleugnung dabei, den Völkermord an den Armeniern fälschlicherweise als eine ungeklärte und nicht hinreichend untersuchte Thematik darzustellen.“

Im Rahmen dieser Aspekte wird anschließend gefordert, dass das Vorlesen und Verteilen des Briefes des türkischen Generalkonsulats und der Eingriff des Generalkonsulats in das Theater Konstanz unterbunden wird.

Advertisements