Prof. Dr. Taner Akçam: „Die Türkei nutzt Unwissenheit des türkischen Volkes über den Armeniergenozid aus“

Prof. Dr. Taner Akçam; türkischer Historiker

Prof. Dr. Taner Akçam; türkischer Historiker

Früher kannte man nur den 23. April – den türkischen Kindertag – und der Tag danach hatte keine besondere Bedeutung. Doch heute hat der 24. April seinen Platz als der Tag der Debatte rund um das Gedenken an das Schicksal der Armenier auf dem Territorium des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg eingenommen.

Ein Interview der türkischen Tageszeitung „Zaman“
mit Prof. Dr. Taner Akçam:

Es ist bekannt, dass sich die armenische Lobby auf das Jahr 2015 vorbereitet, das Jahr, in dem sich die Vertreibung zum 100. Mal jährt und es ist davon auszugehen, dass sie in diesem symbolischen Jahr eine intensive internationale Kampagne gegen die Türkei führen wird.

Wie viele Armenier wurden im Jahre 1915 auf osmanischem Boden deportiert?

Taner Akçam: In dem Büchlein, das Talat Paşa zugeschrieben wird und die „Schwarze Liste für die Vertreibung“ genannt wurde, beträgt die Anzahl der deportierten Armenier 924.158. Einigen zur Verfügung stehenden osmanischen Dokumenten können wir entnehmen, dass Talat Paşa dieses Büchlein wahrscheinlich im Jahr 1918 vervollständigen ließ. Daher müssen die hier angeführten Zahlen in Bezug auf die Vertreibung als die am genauesten Angaben akzeptiert werden. Jedoch sind an der Liste einige wichtige Mängel festzustellen. Wenn man sich die erwähnte Auflistung genauer ansieht, erkennt man, dass die Namen der ungefähr 15 nächstgelegenen Siedlungsgebiete, von denen aus die Armenier deportiert wurden, nicht genannt werden – dies sind unter anderem Istanbul, Edirne, Aydin (Izmir), Bolu, Kastamonu, Çanakkale, Kütahya und insbesondere Urfa. Rechnet man die Vertreibungen aus diesen Städten hinzu, kann man behaupten, dass um die 1,2 Millionen Armenier deportiert worden sein mussten.

Wie viele Menschen kamen während der Vertreibung ums Leben?

Taner Akçam: Im November 1918 gründete die neue osmanische Regierung, welche an die Stelle der İttihatçılar (Anhänger der wichtigsten jungtürkischen Partei, des „İttihat ve Terakki“ – „Komitee für Einheit und Fortschritt“) getreten war, eine Kommission, die sich mit den Verlusten der Armenier beschäftigen sollte. Diese Kommission veröffentlichte im Mai 1919 ihre Ergebnisse. Demnach belief sich die Anzahl der Armenier, die ihr Leben verloren hatten, auf 800.000. Im Jahr 1928 veröffentlichte der türkische Stabschef ein Buch über die Opfer des Ersten Weltkrieges. Darin heißt es wie folgt: „800.000 Armenier und 200.000 Griechen haben ihr Leben durch Ermordung, Vertreibung oder in Arbeitsbataillonen verloren“. Zu diesen Todesfällen kommen die Fälle der nach 1918 durch Hunger, Krankheit oder die Ermordung am Kaukasus Verstorbenen noch dazu. Summiert man alle Angaben, entsteht eine Anzahl von über einer Million Toten.

Wie sind diese Todesfälle entstanden?

Taner Akçam: Mindestens vier bis fünf Vorgehensweisen könnten relevant sein. Die erste zum Beispiel ist die, welche wir von Trabzon, Samsun und Ordu kennen, wo die Armenier auf Boote verladen und anschließend ins Meer geworfen wurden. Nachdem die İttihatçılar im Oktober 1918 ihre Macht verloren hatten, wurde das Problem in der Osmanischen Vollversammlung offen besprochen. Zum Beispiel teilte bei der Versammlung am 11. Dezember 1918 der sich als Nationalist einordnende Abgeordnete Mehmet Emin Bey aus Trabzon mit, dass er auf Grund eigenen Augenscheins bezeugen könne, wie die Armenier auf Boote verladen und ins Meer geworfen wurden. „Diesen Vorfall, der eigentlich ein die Armenier betreffender Vorfall war, hat meine Wenigkeit miterlebt. Es gab einen Gouverneur des Landkreises Ordu. Er hat die Armenier unter dem Vorwand, sie nach Samsun zu bringen, auf das Boot verladen und dann ins Meer werfen lassen.“ Durch die Augenzeugenberichte im Prozess von Trabzon 1919 weiß man, dass Armenier auch in anderen Städten auf ähnliche Weise ins Meer geworfen wurden.

Die zweite Vorgehensweise ist die in einigen Regionen durchgeführte Ermordung der Armenier in den Dörfern, in denen sie sich zu dieser Zeit befanden, ohne dass sie überhaupt deportiert wurden. Sie wurden dabei zum Teil sogar in Kirchen gesammelt und bei lebendigem Leibe verbrannt. Vehip Paşa, der nach 1916 zum Dritten Armeekommandeur ernannt wurde, gibt in seiner schriftlichen Erklärung Beispiele an, die er in Bitlis und Muş miterlebt hatte. Die dritte Art sind Ermordungen infolge von Angriffen auf die armenischen Konvois seitens der Einheiten der Teşkilat-ı Mahsusa (eine Mischung aus Geheimorganisation und Guerillaorganisation des „Komitees für Einheit und Fortschritt“) oder kurdischer Stämme an speziell dafür bestimmten Orten. Die norwegische Krankenschwester Wedel-Jarlsberg, welche in Erzincan im Dienst war, schrieb einen Bericht, in dem sie die Erlebnisse der Armenier, die das Massaker überlebten indem sie sich tot stellten, oder der Soldaten die Augenzeugen waren und ihr weinend berichteten, eintrug. Sie teilte mit, wie die Konvois fortgebracht wurden – sie beschreibt es nach der Bezeichnung durch einen Gendarmen auf Türkisch „Kesse kesse getiriyorlar (Geschlachtet wurden sie gebracht)“.

Ähnliche Morde wurden in den Wüsten Syriens und des Iraks, welche als Zielorte der Vertreibung bestimmt waren, fortgesetzt. Hierbei spielen die Gendarmeneinheiten und die Tscherkessenbanden eine wichtige Rolle. Es wird behauptet, dass die Anzahl der in 1916 in den Wüsten Der Zors Ermordeten um die 200.000 beträgt. Die meisten Todesfälle waren aber auf Hunger, Wasserknappheit, Krankheiten und die harten Witterungsbedingungen zurückzuführen. Die Konvois wurden bewusst auf langen Umwegen umhergeführt, an Raststätten wurde kein Wasser und keine Nahrung verteilt, in Krankheitsfällen wurden keine Maßnahmen ergriffen und die Betroffenen wurden zwangsweise weiterdeportiert. In den osmanischen Berichten wird als Anweisung für das Vorgehen bei Krankheitsfällen in den Konvois sinnbildlich der Befehl „Bring sie nicht in die Nähe der Soldaten, nähert sie nicht an die Städte an, führt die Deportation fort“ erwähnt. Die Vernichtung der Armenier wurde also auch durch die bewusste Instrumentalisierung von Hunger, Wasserknappheit und Krankheiten verwirklicht.

Glauben Sie daran, dass 1915 ein Genozid geschah? Warum?

Taner Akçam: In der Türkei weiß es kaum jemand, doch einer der wichtigsten Gründe für die Erfindung des Wortes „Genozid“ ist der Genozid an den Armeniern. Raphael Lemkin ist derjenige, der den Begriff Genozid erschaffen und erfunden hat und er selbst sagt, dass bei der Erschaffung dieses Begriffes für ihn der Genozid an den Armeniern entscheidend war. Aus seinen Erinnerungen schildert er dies folgendermaßen: Als im Jahre 1921 ein Armenier namens Soghomon Tehlirian den früheren Großwesir und Innenminister des Osmanischen Reiches, Talat Paşa, ermordete, war er selbst Student an einer Universität in Polen. In Anbetracht der Verurteilung Tehlirians fragte er seinen Lehrer, warum derjenige, der für den Tod von ungefähr einer Million Menschen verantwortlich sei (Talat), nicht festgenommen würde, hingegen derjenige, der dagegen nur einen Menschen getötet habe (Tehlirian), festgenommen und verurteilt würde. Die Antwort seines Lehrers klang sehr interessant: „Stellen wir uns einen Bauer vor, der auf seinem Hof Hühner besitzt. Der Bauer tötet seine Hühner, warum auch nicht? Das geht dich nichts an. Wenn du dich da einmischst, würdest du das Maß überschreiten.“ Sein Lehrer versuchte zu erklären, dass aufgrund des Prinzips der nationalen Souveränität die Taten der Staatsoberhäupter nicht zu verurteilen wären. Die Antwort Lemkins darauf ist sehr simpel: „Die Menschen sind doch keine Hühner.“ Lemkin, der in seinen Memoiren über diese Erfahrung schreibt, erklärte, dass ihn das Thema sehr beeinflusst habe und er aus diesem Grund das Philologiestudium abgebrochen habe, um Recht zu studieren.

Prof. Dr. Taner Akçam:

In der Türkei weiß es kaum jemand, doch einer der wichtigsten Gründe für die Erfindung des Wortes „Genozid“ ist der Genozid an den Armeniern. Raphael Lemkin ist derjenige, der den Begriff Genozid erschaffen und erfunden hat und er selbst sagt, dass bei der Erschaffung dieses Begriffes für ihn der Genozid an den Armeniern entscheidend war.

„Souveränität bedeutet nicht das Recht, eine Million Menschen zu töten“, erklärte Lemkin und entschied sich auf Grund dieser Erfahrung für ein Gesetz einzutreten, welches die Strafverfolgung von Staatsoberhäuptern, die Morde begehen, ermöglichen würde. Auf diesem Wege erfand er den Begriff „Genozid“ und kämpfte dafür, dass daraus ein Gesetz entsteht. Am Ende war er erfolgreich, und im Jahre 1950 wiederholt er seine Darstellungen in seinen Schriften und Reden.

Nun behauptet der Begründer der 1948 in Kraft gesetzten UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes: „Ich habe diesen Begriff und dieses Gesetz entworfen, um das Leiden der Armenier zu erzählen.“ Doch wir diskutieren darüber, ob es einen Genozid im Jahre 1915 überhaupt gab – seltsam, oder? Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wegen der Diskussion darüber, ob 1915 ein Genozid war, Zeit zu verlieren. Die Beharrung darauf, dass es keiner gewesen wäre, ist nicht vorteilhaft. Letztendlich wollen diejenigen, die diese Bezeichnung für die Ereignisse von 1915 ablehnen, das Unwissen des Volkes über dieses Thema ausnutzen und überflüssige, nutzlose Diskussionen herbeiführen.

Wie stehen Sie zu der These, dass Türken von Armeniern ermordet wurden?

Taner Akçam: Auf jeden Massenmord folgten Racheaktionen – und sie folgen immer noch. Mit dem Rückzug der Russen nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution hatten einige armenische Banden in den Jahren 1918 und 1919 in den Regionen Erzurum, Erzincan und Kars Racheaktionen durchgeführt. Mord ist Mord. Racheaktionen können nie gerechtfertigt werden. Um jedes verlorene Leben müssen wir trauern. Jedoch ist es sinnlos, die unkontrollierten Aktionen einiger Banden mit dem durch einen Staat organisierten Mord an ungefähr einer Million Menschen in einem Atemzug zu nennen und dies alles als einen „gegenseitigen Konflikt“ zu bezeichnen.

Nach 1945 fanden in Polen und Tschechien Racheaktionen gegenüber dem deutschen Volk statt, doch ist niemand auf die Idee gekommen, unter Verweis auf diese Aktionen zu behaupten, der Holocaust oder die deutschen Überfälle auf die Nachbarstaaten hätten nie stattgefunden. Die Antwort auf die Frage, ob das Osmanische Reich seine Bürger auf eine systematische Weise vernichtet hat, kann mit den Racheaktionen nach 1918 nicht beantwortet werden – und sollte nicht damit beantwortet werden. Die „İttihatçılar“ haben als Ergebnis ihrer nationalistischen Politik ungefähr eine Million Bürger des Osmanischen Reiches nur aufgrund ihrer unterschiedlichen Religion und Sprache vernichtet. Das ist das Problem.

Wie kann eine Lösung der armenischen Frage erreicht werden?

Taner Akçam: Meiner Meinung nach sollte man nicht von einer „armenischen Frage“, sondern von einer „türkischen Frage“ reden, das wäre richtiger. Zuallererst müssen wir Türken lernen, über die Geschehnisse in der Geschichte reden zu können. Wir müssen lernen, was die Wahrheit ist und wie wir über das Gelernte reden sollten. Die Geschichte zu kennen und über das Erfahrene zu reden sind zwei verschiedene Dinge. Ich denke, der Beginn von allem ist es, den Schmerz zu fühlen und den Schmerz teilen zu können. Es muss uns gelingen, das Erlebte der Armenier zu erfahren und den Schilderungen der Nachkommen der betroffenen Menschen selbst zuzuhören. Das Nötige für die Lösung der daraus resultierenden Fragen können wir als Notwendigkeiten auf staatlicher und kommunaler Ebene voneinander trennen.

Auf der staatlichen Ebene muss eine Regierung, welche diese Frage wirklich lösen möchte, zunächst auch einmal ihre Sprache und ihre Ausdrucksweise ändern. Die Sprache des Kampfes unterscheidet sich von der des Friedens und der Brüderlichkeit. Das, was erst einmal gemacht werden muss, ist es, eine Sprache zur Lösung des Problems zu finden. Dafür müssen zunächst einmal die Internetseiten des Ministeriums angepasst und alle Publikationen, welche den Armeniern gegenüber Hass und Abscheu pflegen, beendet werden. Die Behauptungen eines unbegründeten Völkermordvorwurfs und das Komitee zur Koordination der Bekämpfung dieser Darstellungsweise im Rahmen des Nationalen Sicherheitsrates müssen abgeschafft werden. Solange es diese Kommission gibt, ist es unmöglich, die Türkei zu einer demokratischen Annäherung in der Armenierfrage zu befähigen.

Der zweite wichtige Schritt ist die Erweiterung der Grenzen. Die Lösung eines Problems aus der Vergangenheit kann nur durch die Normalisierung der heutigen Beziehungen verwirklicht werden. Solange die Grenzen geschlossen bleiben und keine diplomatischen Beziehungen mit Armeniern begründet werden, kann gar kein Problem gelöst werden. Wenn die Menschen einander nicht kennenlernen und nicht miteinander reden, wie sollten sie dann das Problem zwischen ihnen lösen können? „Die Menschen, indem sie sich miteinander unterhalten und die Tiere, in dem sie einander riechen…“ – das ist die Basisregel. Öffnete sich die Grenze zwischen der Türkei und Armenien und benennte man diese Grenze beispielsweise als die „Hrant-Dink-Tür“, wäre dies eine sehr schöne Geste. Der dritte wichtige Schritt ist die Entschuldigung. In unserer Zeit entschuldigen sich die Staatsoberhäupter und Regierungschefs für die Schmerzen, welche in der Vergangenheit erlebt werden mussten.

Durch diese Entschuldigung werden sie nicht kleiner, sie erniedrigen sich nicht, ganz im Gegenteil, sie gewinnen Achtung. Die Türkei muss diesen Schritt machen. Die Türkei, die von Israel aufgrund eines Angriffes auf einen Schiff eine Entschuldigung erwartet, sollte erkennen, dass sich die Armenier aufgrund des Todes von über einer Million Menschen im Jahre 1915 in einer ähnlichen Erwartung befinden. Ohne die Akzeptanz der türkischen Regierung, dass das, was sich 1915 zugetragen hat moralisch durch nichts zu rechtfertigen und ein Verbrechen ist, kann das Problem nicht gelöst werden. Es ist unsere Pflicht, im Interesse der Versöhnung beider Völker, der Menschen beider Seiten, dass das Verbrechen der Osmanen an den Armeniern im Jahre 1915 missbilligt werden sollte und es sollte auch gesagt werden, dass das Handeln moralisch inakzeptabel war.

Für den vierten Schritt sind großzügige Gesten zur Linderung der Verluste in der Vergangenheit nötig. Die automatische Anerkennung des Rechts auf eine Staatsbürgerschaft für jene Armenier, deren Wurzeln in Anatolien liegen, könnte einer dieser Schritte sein. Ein weiterer wäre die Benennung der armenischen kulturellen Errungenschaften, deren Andenken und deren Spuren ausgelöscht wurden. Dementsprechend könnten die kulturellen, religiösen und historischen Gebäude, welche den Armeniern zuzuordnen waren und die Bauwerke, die von armenischen Architekten errichtet worden waren, restauriert werden. Die armenische Kultur und Zivilisation, deren Spuren in Anatolien ausgelöscht und entfernt wurden, könnten wiederbelebt werden – das wäre eine der wichtigsten Antworten auf die Vernichtungsmentalität der Vergangenheit.

Die Rückgabe der Etschmiadzin-Kirche, welche als der Vatikan der Armenier gilt; ja, sogar die der ebenfalls wichtigen, an den katholischen Ritus gebundenen und beschlagnahmten Kirche in der Region Çukurova; die Restitution von Gebäuden und Grundstücken könnten in diesem Zusammenhang einen sehr wichtigen symbolischen Schritt darstellen. Auch auf der kommunalen Ebene gibt es wichtige Schritte, die wir machen können und machen sollten. Zum Beispiel könnte man am 24. April zunächst in den Moscheen Kocatepe (Ankara) oder Sultanahmet (Istanbul) religiöse Zeremonien für die Opfer von 1915 veranstalten. Es ist die Pflicht jeder Religion, den verstorbenen Menschen Respekt zu zeigen und sich vor ihrer Erinnerung mit Achtung zu verbeugen. Auch andere gemeinsame religiöse Zeremonien könnten veranstaltet werden. Die Religionen bringen uns bei dem Menschen gegenüber Respekt zu empfinden – und das müssen sie uns beibringen. Ich denke, dass religiöse Zeremonien für die Opfer von 1915 sehr bedeutend sein werden.

Unsere Mitmenschen zu informieren, wäre eine andere Möglichkeit für das, was wir auf kommunaler Ebene machen könnten. Die Sicherung des Flusses der richtigen Informationen an das Volk, die Aufhebung der seit ungefähr 100 Jahren anhaltenden Lügen und das Ende der Politik der nationalistischen Gehirnwäsche könnten zur Aufklärung des Volkes beitragen, mit Unterstützung durch die Presse- und Medienorgane und mithilfe von Programmen mit direkter Beteiligung armenischer Wissenschaftler. Auf verschiedenen Ebenen könnten gemeinsame Kommissionen zwischen den beiden Ländern (Parlament, Universitäten u.a.) gegründet, oder Bürgerinitiativen, welche die bilateralen Beziehungen auf allen Ebenen entwickeln, aufgebaut werden.

Doch das Hauptziel muss es sein, die Vorurteile zu beseitigen. Für all dies jedoch müssen wir lernen, eine Sprache zu verwenden und zu entwickeln, welche das Ziel hat, eine Lösung zu finden und den Frieden zu fördern. Nach solchen Schritten können die Parteien mit dem Zweck der Beseitigung der Ungerechtigkeiten, welche in der Vergangenheit erlebt wurden, miteinander anfangen zu reden.

Was erwarten Sie für das Jahr 2015, wenn sich die Vertreibung zum 100. Mal jähren wird?

Taner Akçam: Wenn die Türkei sich in ihrer Politik nicht ernsthaft ändert und die USA, Großbritannien und Israel ihre Haltung nicht ändern, denke ich nicht, dass etwas Besonderes passieren wird. In Bezug auf die Haltungsänderung der Akteure, die ich aufgezählt habe, ist momentan nichts in Sicht. Ich vermute, dass in diesem Rahmen im Jahr 2015 Demonstrationen veranstaltet werden und Menschen das, was sie wissen und woran sie glauben, wiederholen werden. Und dann wird der 25. April kommen. Zum Thema, was alles zu machen wäre – und was zu wünschen wäre –, habe ich teilweise oben bereits Antworten aufgeführt. Meine Hoffnung und Sehnsucht im Zusammenhang mit 2015 ist, dass sich die Türkei aus dem umklammernden Griff Aserbaidschans retten kann. Eine Türkei, die ihre Armenien-Politik Aserbaidschan überlassen und sich diesem Land mehr oder minder ausgeliefert hat, kann überhaupt kein Problem lösen.

Vor allem die Schande, dass die Türkei sogar für Flüge aus ihrem eigenen Land nach Armenien um die Erlaubnis Aserbaidschans anfragen muss, muss beendet werden. Wie bekannt, hat die Türkei einseitig die 2010 gemeinsam mit Armenien unterschriebenen Protokolle auf Druck Aserbaidschans aufgehoben. Im Jahre 2015 könnte die erneute Inkraftsetzung der überarbeiteten Protokolle in Bezug auf eine ehrenvolle und würdige Politik ein guter Anfang sein – davon gehe ich aus.

Ich bin davon überzeugt und hoffe, dass die Türkei, welche sich nicht zurückgezogen hatte, als es um die Lösung der Kurdenfrage ging, auch in der armenischen Frage die gleichen mutigen Schritte machen wird. Doch, wie gesagt, in der Politik gegenüber Armenien muss sich die Türkei zunächst einmal von der Bevormundung durch Aserbaidschan lösen, lernen, den Armeniern zuzuhören und versuchen, ihren seit Jahrzehnten nicht akzeptierten und von allen Regierungen abgelehnten Schmerz zu verstehen. Dann können wir darüber reden, wie diese Schmerzen gelindert werden könnten.

(Das Originalinterview der „Zaman“ wurde geführt von Samet Altıntaş; deutsche Übersetzung dtj-online)
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