Historiker belegt Armenier-Genozid mit osmanischen und türkischen Staatsarchiven

Türkischer Historiker Taner Akçam

War die Ermordung einer Million Armenier eine Verkettung bedauerlicher Umstände oder Völkermord? Der Historiker Taner Akçam untermauert die Genozid-These

Von Karen Krüger

Die türkische Polizei durchsuchte im Februar 2009 in Istanbul und Ankara einige Häuser. Es ging damals um Untersuchungen über den Verschwörungszirkel Ergenekon, der auf einen Umsturz der Regierung Erdogan hingearbeitet haben soll. Unter den Beweisstücken, die sichergestellt wurden, war auch ein Aktenordner, auf den jemand „Verräter der Nationalen Sicherheit“ geschrieben hatte. Die Liste, die sich in dem Ordner fand, enthielt auch den Namen des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, der 2007 von einem Killer erschossen worden war; auch die Namen von Orhan Pamuk und von Taner Akçam, einem türkischen Historiker, der in Massachusetts lehrt.

Hrant Dink hatte in seinen Artikeln für die Aussöhnung zwischen Armeniern und Türken geworben, Pamuk öffentlich die massenhafte Ermordung von Armeniern während des Ersten Weltkriegs erwähnt. Und auch Akçam war wegen der Armenierfrage ins Visier der türkischen Ultranationalisten geraten. Seit Jahren widerspricht er der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung an diesem äußerst empfindlichen Punkt. Der Tod von etwa einer Million Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917, behaupten türkische Historiker bis heute, sei das Ergebnis einer Verkettung bedauerlicher Umstände gewesen, die vor allem auf den Krieg, aber auch das angeblich aggressive Verhalten der Armenier zurückzuführen seien. Falsch, sagt Taner Akcam. Für ihn war es Völkermord.

Nun ist diese These nicht neu. Sie wird von der internationalen Geschichtschreibung schon länger vertreten, auch Taner Akçam hat sie in seinem Buch „A Shameful Act“ (2006) diskutiert. Er war der erste türkische Wissenschaftler, der den Tabubruch wagte. Seinem Beispiel sind andere gefolgt, zuletzt veröffentlichte die in Zürich lehrende Deutschtürkin Seyhan Bayraktar unter dem Titel „Diskurs und Erinnerung“ eine bemerkenswerte Studie über die Leugnungs-Debatte in der Türkei.

Erschwerte Recherche auf Osmanisch und Arabisch

Dass Taner Akçam sich nicht einschüchtern lässt, beweist sein neues Buch. Von den Vertretern der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung dürfte es wieder einmal als Ohrfeige empfunden werden, unter Genozid-Forschern gilt es schon jetzt als Sensation. Denn diesmal belegt Akçam seine These von der geplanten Vernichtung nicht mit Quellen aus deutschen, österreichischen, britischen und amerikanischen Archiven, sondern mit Dokumenten, die er in osmanischen und türkischen Staatsarchiven gefunden hat. Deren Konsultierung hatten türkische Völkermord-Leugner in der Auseinandersetzung darüber, ob es den Völkermord gegeben hat oder nicht, immer wieder gefordert – weil sie überzeugt waren, dass dort tatsächlich nichts zu finden ist, oder dachten, dass kein Wissenschaftler der Welt sich die Quellen auf Osmanisch und Arabisch antun würde. Taner Akçam aber hat es getan, ausgerechnet er, ein Türke.

Die meisten der sechshundert Dokumente, die er analysiert hat, wurden zum ersten Mal ans Tageslicht geholt. Stärker, als man dies bisher von Arbeiten über den Genozid kennt, bettet seine Studie die Ereignisse in den Zerfall des Osmanischen Reiches in Nationalstaaten ein. Die Angst der osmanischen Elite vor Machtverlust habe eine Radikalisierung der Politik bedingt, die schließlich in dem Plan kulminierte, Anatolien ethnisch und religiös umzugestalten. Es sollte erreicht werden, dass die Mehrheit der Bevölkerung überall türkische Muslime waren. Nur so, glaubten die Jungtürken, könne der Zerfall des Reiches verhindert werden. Als bedrohlich empfunden wurde nicht nur die christliche Bevölkerung, sondern auch nichttürkische Muslime wie Araber, Kurden und Migranten aus dem Balkan. Akçam belegt, dass es den Jungtürken um die kulturelle Vernichtung aller Minderheiten ging.

Das „Fünf-bis-zehn-Prozent-Prinzip“

Nichttürkische Muslime sollten aus ihren jeweiligen ethnischen Ballungsräumen vertrieben und in Gebieten neu angesiedelt werden, die ausschließlich von türkischen Muslimen bewohnt werden. Das Ziel war ihre kulturelle Assimilation. Die Behörden folgten dabei einem Prinzip, das Akçam als „Fünf-bis-zehn-Prozent-Prinzip“ identifiziert. In keiner Region sollten nichtmuslimische Türken und Christen mehr als fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Wo diese Grenze überschritten wurde, deportierte man die Menschen, oder brachte sie um.

Dieses Schicksal betraf vor allem Armenier, denn sie galten als besonders bedrohlich. Der Grund war ein im Jahr 1914 von Russland dem Osmanischen Reich aufgezwungenes Abkommen, das den Armeniern in den an Russland angrenzenden Provinzen eine weitgehende Autonomie zusicherte. In einem Telegramm vom 29. August 1915 an die Provinzgouverneure spricht der osmanische Innenminister Talaat Pascha davon, dass das Streben der Armenier nach Eigenstaatlichkeit ein für alle Mal zu unterbinden sei. Zuvor hatte er sich für eine „umfassende und absolute Eliminierung des armenischen Problems“ ausgesprochen.

Tausende Armenier starben auf dem Marsch in Richtung Südosten. Ihr Tod, so der Historiker, wurde bewusst in Kauf genommen. Und doch kamen in den spärlich besiedelten Gebieten am Rand der syrischen und irakischen Wüste mehr Lebende an, als die Jungtürken für möglich gehalten hatten. Schnell überstieg die Anzahl der Armenier jene Fünf-bis-zehn-Prozent-Marke, die unbedingt eingehalten werden sollte, um die Sicherheit im Osmanischen Reich zu garantieren. Hunderte von Soldaten und Gendarme wurden daraufhin aus westlichen Regionen nach Der Zor verlegt. Ihre Aufgabe bestand darin, die Armenier in den errichteten Lagern zu töten. Von den insgesamt 1,2 Millionen deportierten Armeniern überlebten nur 200 000 den Exodus. Das eine entscheidende Dokument, das die Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern der Genozid-These beenden könnte, kann Akçam nicht vorlegen. Doch präsentiert er Hunderte von Quellen, aus deren Gesamtheit die Politik der Vernichtung spricht.

Den Krieg hinterfragen

Und er kritisiert das Schweigen über dieses Kapitel osmanischer Geschichte. Nicht nur in der Türkei, sondern auch in Europa und in den Vereinigten Staaten umgingen Wissenschaftler bei ihrer Forschung die Deportationen, Vertreibungen und den Völkermord: „Historiker für osmanische Geschichte haben die Chance, verstehen zu können, ausgeschlagen. Dabei könnte das helfen zu verhindern, dass massenhafte Gewalt für die Lösung politischer und sozialer Probleme eingesetzt wird.“

In der Türkei herrsche eine Koalition der Stille. Sie habe dazu geführt, dass die Gesellschaft ihr moralisches Feingefühl für vergangenes Leid verloren habe und sich unberührt zeige für Gewalt in der Gegenwart – Taner Akçam spielt offenbar auf den seit Jahrzehnten andauernden blutigen Konflikt des türkischen Militärs mit der kurdischen Bevölkerung an. In der Türkei gibt es kaum noch Menschen, die den Krieg im Osten hinterfragen. Er ist längst Alltag.

(F.A.Z.)
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