Shoah Foundation archiviert Zeugenaussagen von Überlebenden des Völkermord an den Armeniern

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Steven Smith (l.) und Jerry Papazian (r.) arbeiten mit dem SHOAH Foundation Institut an der »University of Southern California«, welche Zeugenaussagen von Überlebenden des Völkermords an den Armeniern archiviert. (Foto: John McCoy)

„Unser Kriegsziel besteht nicht darin bestimmte Grenzen zu erreichen, sondern aus der physischen Vernichtung des Feindes“, sagte Adolf Hitler in seiner Rede 1939 um seinen geplanten Überfall auf Polen zu rechtfertigen.

Nur so werden wir den Lebensraum gewinnen den wir brauchen. Wer nach allem spricht heute noch von der Vernichtung der Armenier?

Mehr als 70 Jahre nach dem Hitler diese Frage stellte, werden die Stimmen der Armenier die den Völkermord, der im Jahre 1915 begann, überlebt haben den Zeugnissen derer die den Holocaust des Zweiten Weltkriegs überlebt haben, im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen dem »Shoah Foundation Institut« und dem »USC Institut für Armenische Studien« hinzugefügt.

„Diese Zeugnisse existieren, weil die Überlebenden die Welt wissen lassen wollten, dass dies passiert ist“, sagte Stephen Smith, Leiter des »Shoah Foundation« Instituts an der »University of Southern California«.

Die Stimmen und Bilder bekräftigen nicht nur die Tatsache, dass solche Gräueltaten passiert sind, sondern zeigen zudem wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus Fanatismus, Vorurteilen und Intoleranz entstehen, wenn sie unbemerkt bleiben.

Gegründet von Steven Spielberg im Jahr 1994 umfasst das »Shoah Foundation Institut« mehr als 52.000 digitalisierte Zeugenaussagen der Überlebenden und Zeugen des Holocausts. Es dauerte mehr als 15 Jahre die Berichte aufzuzeichnen und richtig zu indizieren, so dass Wissenschaftler, Journalisten und solche die ernsthaft darüber lernen möchten, spezifische Geschichten anhand von Namen oder dem Geburtsort finden können.

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Steven Spielberg mit Filmemacherin Carla Garapedian

Die Stiftung wird nun ein ähnliches Projekt mit mehr als 400 Filmen von J. Michael Hagopian durchführen. Hagopian, geboren im Oktober 1913, war ein Überlebender des Völkermords an den Armeniern. Er war ein kleines Kind als seine Mutter ihn in einem Brunnen vor den türkischen Soldaten versteckte, als diese das Dorf »Nor Kharberd« im damaligen West-Armenien (heute Teil der Türkei) überfielen.

Er überlebte und wanderte in die Vereinigten Staaten wo er Filmemacher wurde und die Erfahrungen von Überlebenden und Zeugen des Völkermords aufzeichnete.

Filmemacherin Carla Garapedian, die mit Hagopian gearbeitet hat und die Bemühungen der »Armenian Film Foundation« zur Digitalisierung der Arbeit leitet, bezeichnete die Verfügbarkeit der Berichte als signifikant.

Dies ist das erste Mal, dass Interviews zum Völkermord an den Armeniern in solch einem breiten Netzwerk verfügbar gemacht werden, so dass Universitäten auf der ganzen Welt in der Lage sein werden auf sie zuzugreifen. Es ist ein wichtiger Moment in Bezug auf die Aufklärung der Öffentlichkeit, aus der Sicht von Überlebenden und Zeugen. Wenn wir Völkermorde auf diese vergleichende Art und Weise verstehen lernen, können wir in der Lage sein sie zu verhindern.

Schätzungsweise 1,5 Millionen Armenier starben 1915 bis 1923 in dem, was als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird.

Die türkische Regierung leugnet die Tatsachen

Die türkische Regierung behauptet, die Todesfälle waren eine Folge des Verrats und der Unruhen im damaligen Osmanischen Reich.
Armenier jedoch, unterstützt durch die Mehrheit der internationalen Geschichtswissenschaft, sagen die Morde waren eine systematische Säuberung der Christen, zu denen ebenfalls Aramäer/Assyrer und Pontos-Griechen gehörten.

Das Wort »Völkermord« ist durch die Weigerung der Vereinigten Staaten und der türkischen Regierung, die Ereignisse als solches angemessen zu benennen, politisiert worden. Armenisch-amerikanische Aktivisten sagen, die US-Regierung wird die Ereignisse offiziell nicht als Völkermord anerkennen, weil dies die Beziehungen mit der Türkei, dem NATO-Verbündetem, schaden würde.

J. Michael Hagopian, völkermord armenier

J. Michael Hagopian

In einem Interview mit der Daily News im Jahre 2010 sagte Hagopian, die Aussagen die er filmte sollten genug Beweis dafür sein, was 1915 passiert ist. Am 10. Dezember 2010, einige Monate nach diesem Interview, verstarb Hagopian.

„Die Beweise gegen die Türkei sind enorm“, sagte Hagopian. „Die Deutschen haben während des Holocausts zugegeben was geschehen ist. Die Türken müssen es zugeben, so dass Reue geschieht und danach Sühne und Vergebung.“

Sie können nicht einfach Babys töten, Frauen nehmen und dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Erinnerungen an Gräueltaten

Einige beispielhafte Aussagen von Hinterbliebenen und Zeugen sind Erinnerungen an Babys die von türkischen Soldaten aus den Armen ihrer Mütter gezogen, danach in die Luft geworfen und mit einem Bajonett am Ende des Gewehrs gefangen wurden. Es sind Erinnerungen an blutige Leichen die den Fluss hinunter treiben und die systematische Folter von Intellektuellen.

Hagopian zeichnete in seinen Filmen Überlebenden-Berichte von Armin T. Wegner auf. Der Wuppertaler Armin T. Wegner war als Sanitätsoffizier im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs stationiert. Während dieser Zeit machte er Hunderte von Fotografien und dokumentierte was mit den Armeniern passierte. Dies führte schließlich zu seiner Verhaftung, jedoch gelang es ihm dennoch die Fotos heimlich hinauszuschmuggeln.

Wegner war Hitlers symbolische Nemesis

Hagopians erster Film in Zusammenhang mit dem Völkermord war ein Interview mit Wegner.

„Wegner ist ein echtes Symbol für das was wir tun“, sagte Smith. „Wegner war Hitlers symbolische Nemesis. Er war da und fotografierte den Völkermord an den Armeniern. Während Hitler sagte, wer erinnert sich heute noch an die Armenier, sagte Wegner, er erinnert sich an die Armenier.“

Der Digitalisierungsprozess, der die Indizierung von Schlüsselwörtern aus Hagopians Filmen beinhaltet, soll in etwa zwei Jahren abgeschlossen sein, sagte Jerry Papazian, Mitglied im Beirat des »USC Institute of Armenian Studies Leadership Council«.

„Dieses Projekt definiert wer wir sind und bezeichnet diese schreckliche Sache, die unseren Vorfahren passiert ist“, sagte Papazian. „Unser Motto ist: Lasst ihre Stimmen nicht in Vergessenheit geraten“.

Das Shoah Foundation Institut arbeitet ebenfalls an der Archivierung von Zeugenaussagen der Massaker in Kambodscha, Ruanda, Darfur und Bosnien. Es wird eins der weltweit größten Genozid-Archive darstellen, welches Menschen überall auf der Welt über das Internet erreichen werden können. Ziel ist es, den Menschen bewusst zu machen was passieren kann wenn die Welt ihre Augen verschließt und diesen Dingen den Rücken zuwendet.

Ich bin erfreut, dass die armenische Gemeinde uns ihr persönliches Vermächtnis anvertraut. Vertrauen ist der erste Schritt. Wenn man nicht vertraut, ist dies der Nährboden für Fanatismus, Vorurteile und Intoleranz, sagte Smith.

Quelle: Los Angeles Daily News
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