Warum ist es für die Türkei so schwierig, sich dem Thema des Genozids an den Armeniern 1915 zu stellen?

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Türkische Demonstranten in Paris

Eine erneute Diskussion über den Völkermord an den Armeniern hat nun wieder begonnen. Die aktuelle Diskussion startete diesmal schon lange vor dem 24. April auf Grund einer Äußerung des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy.

Kolumnist der »Today’s Zaman« Markar Esayan schreibt, dass seine Artikel die von 1915 oder von Armeniern handeln mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als andere. Er fügt hinzu, dass Türken in den letzten Jahrzehnten vieles erlebt haben was darauf hindeutet, dass die türkische Geschichte nicht so abgelaufen sein kann wie es ihnen erzählt wurde.

Als Beispiel dafür sind die Dersim Massaker von 1937-1938 zu nennen, für die sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan kürzlich entschuldigt hat. Den Türken wurde vom Staat erzählt, dass es Aufstände in Dersim gegeben hat und dass das was passiert ist eine Notwendigkeit war um diese Aufstände zu unterdrücken. Dersim war daher in all der Zeit der Beschuldigte. Bis zur Entschuldigung von Erdogan versuchte kein einflussreicher Politiker die Wahrheit ans Licht zu bringen. Diese Politiker haben die Lüge von Dersim bewusst weitergeführt.

Letztendlich erfuhren die Türken, dass der Grund für die Massaker keine Aufstände waren – Mustafa Kemal Atatürk und İsmet İnönü sahen in den Nicht-Türken eine Bedrohung. Sie beschlossen diese zu unterdrücken und anschließend zu ermorden da sie Kurden und Aleviten waren. Ministerpräsident Erdogan verwies auf diese Tatsache im türkischen Parlament. Aber was ist passiert oder was hat Erdogan dazu verleitet die Wahrheit endlich zu enthüllen?

Die Moral…

Die vorangegangene Einstellung war unmoralisch. Erdoğan hat dies erkannt und nicht auf gleicher unmoralischer Weise agiert berichtet Markar Esayan. Es ist unmoralisch Brutalität, Massaker und Genozide aus politischen Gründen zu leugnen.

Die Massaker, der Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 unterscheiden sich was die Charakteristik und ihre Mentalität betrifft nicht von den Massakern in Dersim. Dennoch wird die Türkei dieses großes Leid und den Schmerz noch für eine sehr lange Zeit leugnen, berichtet Markar Esayan. Er hat nicht die Erwartung, dass es hier eine ähnliche öffentliche Diskussion geben wird wie im Fall Dersim.
»Ich sage dies nicht weil ich ein Pessimist bin. Ich bin dieser Ansicht, da die Ereignisse 1915 untertrennbar mit anderen wichtigen strukturellen Sachverhalten der Türkei verknüpft sind. Ich denke, dass der Hauptgrund warum Türken die Diskussion über die Massaker an den Armeniern vermeiden ist, dass ihr Glauben und ihre Überzeugung kollabieren würde.« sagt Esayan.
Es wird von türkischer Seite argumentiert, dass es sich um einen Befreiungskrieg gegen imperialistische Staaten gehandelt habe – doch das ist nicht ganz der Fall, so Esayan.
Die Komitees für Verteidigung und Widerstand welche den Befreiungskrieg organisierten wurden gegründet, um gegen die Griechen und Armenier zu kämpfen. Jedoch ist es wichtig zu erwähnen, dass der Großteil der Gründer dieser Komitees ehemalige Mitglieder des früheren »Komitees für Einheit und Fortschritt« (İttihat ve Terakki) waren, die auf Grund ihrer Verwicklungen in die Ermordungen der Armenier, die im Jahre 1915 stattfanden, zum Tode verurteilt wurden.

Taner Akçam schrieb diesbezüglich wie folgt:

»Für die Mitglieder des Komitees für Einheit und Fortschritt, die auf Grund der Anklagen gesucht wurden, war die Organisation des Befreiungskrieges eine Sache von Leben oder Tod. Der nationale Widerstand war die letzte Zuflucht für sie. Sie konnten zwischen zwei Alternativen wählen; sich ihrer schweren Strafen, unter anderem der Todesstrafe, stellen oder nach Anatolien gehen um den Nationalen Widerstand zu organisieren.«

Falih Rıfkı Atay (ehem. türkischer Journalist, Schriftsteller und Mitglied des Parlaments) beschrieb dies folgendermaßen:
»Als die Briten und ihre Verbündeten sich entschlossen, die Verantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern zur Rechenschaft zu ziehen, griffen die Beschuldigten zu den Waffen und schlossen sich einer Bande an.«
Für Topal Osman zum Bespiel, Vorbild des Ergenekon Verdächtigten Veli Küçük, wurde eine Statue errichtet. Osman war einer der Verantwortlichen für die Massaker an den Armeniern und wurde gesucht. Aus diesem Grund flüchtete er und gründete seine eigene Truppe. Der Abgeordnete von Lazistan Ali Şükrü, bewies in einem Parlamentariertreffen, das Mustafa Suphi und sein Freund von der türkischen kommunistischen Partei, von Topal Osman und seinem Gefolgen Yahya Kaptan im Auftrag von Mustafa Kemal Atatürk ermordet wurden. Nach diesem Ereignis wurde Topal Osman beauftragt Ali Şükrü zu ermorden. Osman wurde im Nachhinein ebenfalls ermordet.

Des Weiteren hat das türkische Parlament am 8. Mai 1920 einen Gesetzesvorschlag verabschiedet, der eine Freilassung der in Haft sitzenden Verantwortlichen für die Deportationen und Ermordungen der Armenier ermöglicht. Sie wurden somit für ihre Taten nicht bestraft. Diese Entscheidung stellt gleichzeitig eines der ersten Entscheidungen überhaupt dar, die das Parlament getroffen hat.

Das Thema Genozid bleibt eines der letzten Tabus des türkischen Staates – denn eine Anerkennung des Völkermordes würde den Gründungsmythos der Republik in Frage stellen, da führende Vertreter der 1923 gegründeten Republik Türkei in den Völkermord an den Armeniern verwickelt gewesen sind, berichtet auch der Istanbuler Politologe Cengiz Aktar, der sich seit Jahren für eine Aussöhnung zwischen Türken und Armeniern und für die Anerkennung des Völkermordes engagiert. Aktar erkennt in dem Protest Ankaras gegen das bevorstehende Genozid-Gesetz in Frankreich vor allem eines: Hilflosigkeit!

»Die türkischen Regierungen wissen einfach nicht, wie sie mit dem Thema umgehen sollen.«

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